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Autor: Andreas Broicher   
 
    Soldat - Reformer - Wegbereiter (1756-1813)
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In der Person Scharnhorsts begegnet uns eine herausragende Persönlichkeit der preußisch-deutschen Geschichte. Wenn diese auch aus heutiger Sicht in der öffentlichen Wahrnehmung bei weitem nicht so präsent ist wie die seines Schülers und großen Verehrers Clausewitz, so hat Scharnhorsts großartiges Reformwerk doch deutliche Spuren in unserer Geschichte hinterlassen.

Sein Werk erschließt sich demjenigen erst richtig in seiner Gesamtheit, der die Persönlichkeit dieses einzigartigen Menschen von ihren Anfängen an betrachtet.

Es sind die nachfolgenden vier Grunderfahrungen und Grunderlebnisse, die das Werden und Heranreifen dieses Mannes entscheidend prägten:

- die Herkunft aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen
- die Begegnung mit dem Grafen Wilhelm von
Schaumburg-Lippe
 
- die Teilnahme am Krieg gegen die französischen Revolutionsheere in den Niederlanden und Belgien im Rahmen des hannoverschen Hilfskorps
- die geistige Verarbeitung dieser Erfahrung sowie die Schaffensphase in preußischen Diensten vor der Katastrophe von Jena–Auerstedt.

Die von Scharnhorst initiierte und gestaltete preußische Heeresreform muß jedoch im Rahmen der von den Ministern Stein und Hardenberg verfolgten Verwaltungs- und Staatsreform gesehen werden. Die Entstehung und nachhaltige Wirkung der Heeresreform ist ohne die Schaffenskraft und hingebungsvolle Unterstützung, die Scharnhorst durch seine engsten Mitarbeiter und Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman und Clausewitz erfahren hat, kaum vorstellbar. Scharnhorst gelang es mit sicherem Gespür, für seinen engeren Stab in der Militär-Reorganisations-Kommission (MRK) ab 1807 diese Offiziere heranzuziehen. Man kann dem amerikanischen Militärhistoriker T.N. Dupuy zustimmen, der das glückliche Zusammenwirken dieser herausragenden Soldaten mit den Worten würdigte: “These, then, were the five soldiers, who are known rightly to German history as `the Reformers´: Scharnhorst, Gneisenau, Grolman, Boyen and Clausewitz. Jointly they created a new Prussian Army, and collectively they were responsible for laying the foundations of the military excellence that characterized Prussian and German armies for more than a century.” Scharnhorst legte zusammen mit diesen Offizieren die Grundlagen für ein modernes Heer, das in seinem inneren Gefüge, in der Organisation, Ausbildung und Führung derart fundamentale Änderungen erfuhr, wie sie nur noch mit der Aufstellung der Bundeswehr zu vergleichen sind.

In der hier vorgestellten Arbeit zeichnet der Verfasser nicht nur das Werden und die unmittelbare Wirkung Scharnhorsts nach. Der besondere Reiz des Buches liegt darin, daß sich sein Autor sehr eingehend mit der Rezeption des Scharnhorstschen Vermächtnisses im 19. Jahrhundert auseinandersetzt, sondern auch den noch erkennbaren Spuren des Scharnhorstschen Erbes im 20. Jahrhundert nachgeht.

Für den Verlauf der preußisch-deutschen Geschichte mag es von besonderer Tragik gewesen sein, daß Scharnhorst in den Jahren, die unmittelbar auf die Befreiungskriege folgten, weder dem zögerlichen und mißtrauischen preußischen König Friedrich Wilhelm III. zur Seite stehen konnte, noch dem innenpolitisch zunehmend geschwächten Staatskanzler Hardenberg. Scharnhorst genoß das Vertrauen beider Personen. In Preußen kennzeichnete das Ringen um die Kontrolle über die bewaffnete Macht die innenpolitischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Diese lag bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in der Hand des preußischen Königs und deutschen Kaisers. Dieses Ringen setzte sich in den ersten unsicheren Jahren der Weimarer Republik zwischen Parlament, Reichswehrministerium und Chef der Heeresleitung fort. Mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler begann der Weg in die Diktatur, der in den Zweiten Weltkrieg mit seinen schrecklichen Folgen einmündete.

Den Männern, die am 20. Juli den Mut zur Tat fanden, ist es zu verdanken, daß Deutschland der Welt den Aufstand des Gewissens gegen die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten glaubhaft demonstrieren konnte. Offiziere wie Stauffenberg legten Zeugnis ab für ein soldatisches Ethos, das ganz in der Tradition dessen stand, was einst die Männer um Scharnhorst geistig und moralisch geprägt hatte. So ruht denn das sittlich-moralische Fundament der 1955 am 200. Geburtstag Scharnhorsts aufgestellten Bundeswehr auf zwei Säulen: dem Reformwerk der Stein, Hardenberg und Scharnhorst sowie dem Widerstand der Männer um Leber und Stauffenberg. Wir feiern in diesem Jahr den 50. Geburtstag der Bundeswehr. Sie ist von Anfang an eine Armee, die unter der Kontrolle eines frei gewählten Parlaments steht. Ihre Integration in die Gemeinschaft freier Bürger ist ebenso gelungen wie die Integration in ein Bündnis freier Staaten. Damit erfüllten sich in den zurückliegenden Jahrzehnten wesentliche Elemente der politisch-militärische Zielvorstellungen, die Scharnhorst, Stein und Hardenberg in den wichtigen Jahren ihrer reformerischen Tätigkeit bewegt hatten.