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Autor: Andreas Broicher   
 
    Soldat - Reformer - Wegbereiter (1756-1813)
  Buchvorstellung - Kapitel 4 - Bewährung und Vermächtnis

Kapitel 4
Bewährung und Vermächtnis

(Auszug aus dem Buch)

(…)
Vereint mit aller Kraft gegen Napoleon

In jenen entscheidenden Wochen des beginnenden Jahres 1813 war Scharnhorst in jeder Hinsicht die überragende Persönlichkeit. Mit seinen Denkschriften wirkte er in den politischen Bereich ebenso wirksam hinein wie in den militärischen. Die von den Reformern vorbereiteten Pläne über den Aufbau der Reservearmee und die Auslösung eines Volksaufstandes sollten innerhalb kurzer Zeit auf preußischem Gebiet den Zustand eines Volks in Waffen herstellen. In allen seinen Maßnahmen genoß Scharnhorst jetzt das Vertrauen des Monarchen und der politischen Führung im Staat.

 

 

 

Gerhard v. Scharnhorst

Mit nüchternem Blick und sicherer Hand veranlaßte er die Maßnahmen und Befehle, die zur Mobilisierung der personellen und materiellen Ressourcen erforderlich waren. Er strahlte Ruhe, Kraft und Verläßlichkeit aus. Am 3. Februar erließ der König den Aufruf zur Formierung der freiwilligen Jägerdetachements. Diese Detachements sollten bei den Infanteriebataillonen und Kavallerieregimentern aufgestellt werden. Ihre Angehörigen, im Alter zwischen 17 und 24 Jahren, mußten für Bekleidung, Bewaffnung und Pferdematerial selbst aufkommen.

Der König erwartete von den Soldaten in diesen Eliteformationen, daß sie nach „Bildung und ihrem Verstand sogleich ohne vorherige Dressur gute Dienste leisten und demnächst geschickte Offiziere und Unteroffiziere abgeben können“. Bei Eignung sollten Offiziere und Unteroffiziere auf eigenen Wunsch in den Bataillonen und Regimentern entsprechend freiwerdende Stellen besetzen können. Für Ausbildung und Führung dieser Formationen waren vorübergehend ausgesuchte Offiziere und Unteroffiziere abzustellen. Nach Möglichkeit sollten die Detachements sich selbst führen. Mit der Einrichtung dieser Sonderformation wollte Scharnhorst insbesondere das besitzende Bildungsbürgertum ansprechen und zum Soldatendienst ermuntern. Der König sicherte darüber hinaus den Soldaten dieser Elite zu, „auch in ihrer dereinstigen Civildienst-Laufbahn vorzugsweise berücksichtigt“ zu werden, wenn sie sich im Einsatz tapfer und zuverlässig erweisen würden.

Die freiwilligen Jägerdetachements erhielten einen derartigen Zulauf, daß schließlich die Altersgrenze heraufgesetzt werden mußte. Alles was Rang und Namen hatte, drängte in diese Formationen, die nach dem Willen Scharnhorsts die „Pflanzschule des künftigen Offizierkorps“ werden sollten. Aufgrund ihrer Bedeutung kontrollierte er diese Sonderformationen selbst.
(…)

Das Wirken der Reformer – Ein Resümee
(…)
Im engen Zusammenwirken mit Stein hatte Scharnhorst – vornehmlich unterstützt durch Gneisenau und Boyen – eine Heeresreform in Angriff nehmen können, die in ihrer Breite und Tiefe beispiellos war. Die diesem gewaltigen Werk zugrunde liegende Konzeption war bei Scharnhorst als grobe Skizze Ende der 90iger Jahre des 18. Jahrhunderts, also noch vor seinem Wechsel in preußische Dienste, bereits fertig. Die in Denkschriften niedergelegten Vorschläge und Empfehlungen und die im Verlauf der Jahre 1804 bis 1807 im preußischen Generalquartiermeisterstab gemachten Erfahrungen schufen schließlich die Grundlagen für seine erfolgreiche Arbeit in der Militärreorganisationskommission. Die von ihm und seinen engsten Mitarbeitern gegen erhebliche Widerstände konservativer Militärs und Politiker mit Einwilligung des Königs erreichte Heeresreform, zeichnete sich durch folgende Elemente aus:

• Mit der Abschaffung des Adelsprivilegs und der Betonung des Leistungsprinzips stand jedem Bürger die Offizierslaufbahn offen, damit wurde eine Erneuerung des Offizierskorps eingeleitet.

• Die Abschaffung entehrender Strafen (Freiheit des Rückens) und Pflicht des Offiziers zur menschenwürdiger Behandlung seiner Untergebenen, gab den Unteroffizieren und einfachen Soldaten die soldatische Ehre wieder.

• Das neue Bildungskonzept für die Offiziere sorgte für eine allgemeine Anhebung des Bildungsstandes der Offiziere, aus der Sicht der Reformer eine grundsätzliche Voraussetzung, um den gesteigerten Aufgaben in der taktischen Führung und in der Menschenführung entsprechen zu können.

• Das neue Bildungskonzept für die Offiziere galt für alle Truppengattungen, es verbesserte nicht nur den Bildungsstand ganz allgemein, sondern schuf gleichzeitig die Grundlage, um für den Generalquartiermeisterdienst besonders qualifizierte Offiziere auszubilden und generell für alle Führungsebenen geeigneten Führernachwuchs heranzubilden.

• Der Bildung der Landwehr und des Landsturms lag die Idee der Vaterlandsliebe und der Bereitschaft dasselbe mit Enthusiasmus zu verteidigen zugrunde, dieser Notwendigkeit sollte sich kein Bürger verschließen.

• Die Einführung des Krümpersystems diente dem Zweck, unter den Augen der Besatzungsmacht für die Befreiung vom napoleonischen Joch die personellen Voraussetzungen zu schaffen, es mündete zwangsläufig in der im Verlauf der Befreiungskriege jedem wehrfähigen Bürger auferlegten Pflicht zum Wehrdienst; 1814 wurde diese Pflicht in das Gesetz über die Allgemeine Wehrpflicht gegossen,

• die Schaffung von Großverbänden, die sich in ihrer Struktur und Zusammensetzung am französischen Vorbild orientierten,

• eine generelle Umstellung der Truppenausbildung, die an Stelle des Gamaschen- und Paradedienstes verstärkten Wert auf Feldübungen und eine moderne Schießausbildung legte.

Scharnhorst, der hannoversche Bauernsohn und spätere preußische Generalleutnant, hatte unter Einsatz seiner ganzen Person an einem großen Reformwerk mitgewirkt, das dem preußischen Staat eine zukunftsfähige gesellschaftliche Ordnung und ein modernes Heerwesen gab. Auf dieser Grundlage konnte Preußen daran gehen, seine am Anfang des 19. Jahrhunderts verspielte Rolle im Konzert der europäischen Großmächte wieder zu gewinnen.

Dem Gesamtwerk fehlte schließlich die vom König 1815 versprochene Verfassungsgrundlage, die erst im Zuge der revolutionären Bewegung des Jahres 1848 erstritten wurde. Restaurative Kräfte sollten in den nachfolgenden Jahrzehnten zahlreiche der inneren Reformen wieder rückgängig machen oder inhaltlich verwässern. Sie haben damit zwar das Gesamtwerk der Stein, Hardenberg und Scharnhorst zum Teil stark beschädigt, das schmälert aber nicht das Verdienst, daß diese großen Männer sich um Preußen und um Deutschland erworben haben. Wir stellen sie völlig zu Recht in die Reihe der „Großen Deutschen“.