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Buchvorstellung - Kapitel 6 -Das 20. Jahrhundert und das Erbe Scharnhorsts
Kapitel 6
Das 20. Jahrhundert und das Erbe Scharnhorsts
(Auszug aus dem Buch)
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Die Zwischenkriegszeit
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Seeckt hat sich sehr früh auch um die Bildung der Offiziere gekümmert. Aus seiner Sicht verfügten die jüngeren Offiziere zwar über eine intensive Fronterfahrung, ihr theoretisches Rüstzeug war jedoch, bedingt durch vier schwere Kriegsjahre, weniger stark entwickelt. Diesen Mangel zu beheben, war vorrangiges Ziel Seeckts. Ab 1920 hatte sich jeder jüngere Offizier der Reichswehr der so genannten „Wehrkreisprüfung“ zu unterziehen. Die jeweils 10 besten Offiziere aus jedem Wehrkreis wurden zur Führergehilfenausbildung einberufen. Dieses Verfahren war nicht nur neu, sondern auch in seinen Auswirkungen umwälzend. Im Unterschied zur kaiserlichen Armee mußte sich in der Reichswehr nun jeder Offizier, der altersmäßig heranstand, dieser Prüfung unterziehen.
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| Hans von Seeckt |
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Den Bildungsbemühungen Seeckts verhalf diese Maßnahme zum entscheidenden Durchbruch. Bei der scharfen Konkurrenz in der kleinen Reichswehr mußte es das Bestreben eines jeden Offiziers sein, der in seiner Laufbahn weiterkommen wollte, neben der Erweiterung seines praktischen Könnens auch aus eigener Anstrengung seine theoretischen Grundlagen zu verbessern. Der damit eingeschlagene Weg sollte sich auch positiv auf die Auswahl zukünftiger Generalstabsoffiziere auswirken. Um sich für die Führergehilfenausbildung zu qualifizieren, war u. a. ein intensives Selbststudium der Kriegsgeschichte unerläßlich.
Mit dieser Regelung hatte Seeckt endgültig die Türen für das Leistungsprinzip geöffnet und das sollte sich außerordentlich positiv auswirken. Die Neuregelung in der Weiterbildung und Fortbildung der Offiziere hatte zur Folge, daß die Reichswehr in zunehmendem Maße über ein Führerpotential verfügte, daß an Professionalität seinesgleichen suchte. Auch dies ist einer der Gründe, warum es im Heer des Zweiten Weltkrieges überproportional viele herausragende Truppenführer gab, die sich nicht nur in der Taktik, sondern auch in der Operationsführung bewährten und auszeichneten.
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Aufbau der Bundeswehr
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Der erste Bundesminister der Verteidigung, Theodor Blank, hat bei dem Versuch, einen Brückenschlag zwischen dem Reformwerk Scharnhorsts und der vor den Planern seines Hauses liegenden großen Aufgabe herzustellen, die Persönlichkeit des Reformers mit den folgenden Worten gewürdigt: „Er hat die inneren Vorgänge seiner Zeit untersucht, wie wir uns bemühen, die Zeichen unserer Zeit zu verstehen. Dann hat er mit seiner nie ermüdenden, inneren Kraft seine Ideen gegen eine vielfach widerstrebende Umwelt durchgesetzt. Dabei hat er immer auf die Gesamtheit des Staatslebens gesehen und konnte seine militärischen Reformen den gleichlaufenden politischen Bemühungen anpassen.“ Wenn der Minister die innere Kraft und das Durchsetzungsvermögen Scharnhorsts herausstellte, dann wies er indirekt auf die vielfachen Widerstände hin, die ihm im Ministerium im politischen Raum und in der Öffentlichkeit u. a. bei dem Versuch bereitet wurden, das von der Gruppe um den Grafen Baudissin entwickelte Konzept der Inneren Führung für die neuen Streitkräfte durchzusetzen.
So berechtigt es war, über Inhalt und Form einer zeitgemäßen Menschenführung in der neu aufgestellten Bundeswehr nachzudenken, zuvor mußte man sich aber darüber klar werden, welchen Zielen Bildung und Erziehung in den Streitkräften dienen sollten. Ebenso mußte man sich ein Bild von dem Führungspersonal machen, das für die neu ausgerichtete Ausbildung zur Verfügung stand. Ein großes Problem war ohne Zweifel auch, wie man die Einsatzbereitschaft einer Bundeswehr mit einem Gesamtumfang von 500.000 Mann in einem Umfeld herstellen wollte, das mehrheitlich eine Wiederbewaffnung ablehnte oder ihr indifferent gegenüberstand. Welche Traditionslinien sollte man verfolgen und wo sollten diese anknüpfen? Die Reformer hatten 200 Jahren zuvor die nationale Idee als bedeutsames Ferment entdeckt, um Armee und Bevölkerung miteinander bekanntzumachen. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges schienen jedoch einem deutschen Nationalstaat eine ungewisse Zukunft zu weisen. Nationalbewußtsein und ein soldatischer Wertekanon, der einmal für die aktiven Soldaten ebenso selbstverständlich war wie für die Reservisten und die damit für große Teile der Gesellschaft als gemeinsamer Besitz und verbindenden Element verstanden wurden, waren so durch das nationalsozialistische System diskreditiert worden, daß sie kaum noch eine Rolle spielen konnten. Was sollte an ihre Stelle treten? Aus welchen Quellen sollten sich zukünftig Einsatzfreude und Opferbereitschaft speisen?
Das waren alles Fragen, die so oder in ähnlicher Form auch von den Reformern zweihundert Jahre zuvor beantwortet werden mußten. Diese hatten jedoch den Wandel des Kriegsbildes über Jahre schmerzlich miterlebt und die neuzuformierenden Streitkräfte Preußens danach ausrichten können. Die Offiziere, die im Amt Blank an den Plänen für die Aufstellung der Bundeswehr arbeiteten, hatten zwar alle Kriegserfahrung und ihre diesbezüglichen Erfahrungen lagen erst einige Jahre zurück. Aber der Abwurf der ersten Atombomben ließ das Kriegsbild, das man in der Endphase des zweiten Weltkrieges in Europa erfahren hatte, rasch verblassen bzw. unwirklich erscheinen. An welchen Erfahrungen sollte man sich auf der Suche nach zukünftigen Streitkräften orientieren und wie mußte unter diesen Umständen das Konzept für eine zeitgemäße Menschenführung aussehen? Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, daß man zu völlig konträren Auffassungen gelangte und um eine praktikable Lösung heftig gerungen wurde.
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